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Meet the Queen

Air Force One von Präsident Eisenhower

Es war später Sonntag Nachmittag, als ich den vierstelligen Zugangscode in das Kästchen am Gate eintippte.  Dunkelblauer Himmel – kristallklares Licht – es riecht nach Staub und Altöl – das Gate öffnet sich und gibt die Durchfahrt auf das Airfield frei. Es ist nicht mehr so heiß – die Strahlen der Sonne ziehen sich lang über die Weite – und man erahnt die nahe Kälte der Nacht. Ich fahre auf knirschendem Staub – in der Ferne bizarre Gebirgsketten – davor ein Nichts aus Sand und Sträuchern.

Das Objekt meiner Begierde steht hier schon seit einigen Jahren. Silbrig glänzend wirkt sie schon aus der Ferne wie ein Kunstwerk. Es ist mein zweiter Besuch bei der VC-121A Constellation, der früheren Air Force One von Präsident Eisenhower, mit der Kennung 48-610. Sie sieht gut erhalten aus – einige Klappen an den Triebwerkern hängen nach unten – am Dreifachleitwerk fehlen die Seitenruder – aber ansonsten ist sie in good conditons. Der Himmel über ihr wirkt wie eine Kulisse in einem perfekt inszenierten Theaterstück. Alles stimmt. Auch die Stille.

VC-121A Constellation - Columbine II

Ich stelle meine Kamera auf das Stativ – nicht nur mit dem Bewusstsein, eine der kunstvollsten Formen der Flugzeuggeschichte in einer unglaublichen Umgebung zu fotografieren, sondern auch mit einer gewissen Ehrfurcht vor der Geschichte dieses Flugzeugs – erbaut im Jahre 1948 in Burbank, California. 1953 wurde sie zur Präsidentenmaschine und wurde Columbine II genannt, nach der offiziellen Blume des Staates Colorado, Heimatstaat von Mrs. Eisenhower. Nach ihrem letzten präsidentialen Einsatz Ende 1959 flog sie noch einige Jahre als VIP Maschine der Regierung und ging mit 14072 Flugstunden 1968 in Rente. Seitdem ist ihr Schicksal ungewiss.

Ich genieße die Einsamkeit – betätige den Auslöser einige Male öfter, nur des Moment willens. Ich beobachte das Licht und die Veränderung der Form. Keine Seele weit und breit. Der Eindruck der Einsamkeit ändert sich schlagartig, als ich das Gefühl habe, beobachtet zu werden. Ich bemerke ein vierbeiniges Wesen, das aus dem mittlerweile diffusen Nichts gemächlich auf mich zukommt. In mir klingeln die Alarmglocken. Als Städter, der gefährliches Getier nur aus Fernsehreportagen kennt, eine wahre Herausforderung. Meine biologische Wahrnehmung stuft das Tier als erstens zu groß, zweites zu wild und drittens ohne erkennbares Herrchen oder Frauchen unterwegs ein. Ich kategorisiere eine Art Husky – Schlittenhund. Aber in der Wüste? Kurzum, ich beschließe (in Gedanken schon mit der wilden Bestie im Wüstensand kämpfend) einen Zwischenaufenthalt in meinem Wagen, der ca. 30 m. entfernt steht und mir die schnellste Möglichkeit bietet, aus der Gefahrenzone zu kommen. Gleichzeitig erinnere ich mich an die gleichen Fernsehreportagen, bei denen flüchtende Personen stets von bösen Tieren eingeholt und zu Boden geworfen werden - also beginne ich meinen Rückzug mit kleinen Schritten, den Vierbeiner immer im Blick - um im Notfall doch panikartig losrennen zu können. Als ich endlich auf dem Beifahrersitz außerhalb der Gefahr sitze, komme ich mir total bescheuert vor.

Saguaro Kaktus

Ich sehe meine Kamera – das Licht – die Constellation – die Wüste – mein Fotografenherz brennt. Das Licht schwindet und die Anmut der Constellation wechselt fast im Sekundentakt. Mein Vierbeiner ist jetzt nahe an meiner Kamera, schnüffelt und pinkelt in den Wüstensand.  Die Stimmung bleibt friedlich - so auch das Tier.

Also steige ich wieder aus und gehe zu meiner Kamera um weiterzuarbeiten. Ich versuche, die Gefahr zu ignorieren und stelle fest, dass die Gefahr nicht existiert. Mein Vierbeiner kommt nie näher als 10-15 m an mich heran – schnüffelt – guckt mir ab und an beim Arbeiten und Belichten zu – strolcht herum – pinkelt wieder in den Sand – irgendwann sogar an „meine“ Constellation. Wir sind sozusagen in einer friedlichen Koexistenz, die sogar in eine gegenseitige Sympathie umschlägt – für mich jedenfalls. Ich fotografiere weiter die Szenerie, bis kein Licht mehr existiert und es kalt und dunkel ist. Mein Vierbeiner war irgendwann einfach weg – leider habe ich ihn nie fotografiert. Tags darauf erzählte ich meine Geschichte einem Mitarbeiter des Regionalflughafens. Es gäbe keine Huskys in der Wüste, meinte er, aber mit Sicherheit fotointeressierte Kojoten.

Ich werde dieses Zusammentreffen zwischen Tier, Mensch und Maschine wohl nie vergessen.